Max BauerVIEW PROFILE →
Ein europäisches ChatGPT aus Wien: Wie das Start-up eustella auf souveräne KI setzt
Während amerikanische KI-Modelle den Markt beherrschen, wagt das Wiener Start-up eustella den Gegenentwurf: eine App für eine souveräne, europäische Künstliche Intelligenz. Zusammen mit neuer heimischer Rechen-Infrastruktur will Österreich unabhängiger werden.
Wenn von Künstlicher Intelligenz die Rede ist, denken die meisten unweigerlich an amerikanische Giganten und ihre allgegenwärtigen Sprachmodelle. Doch abseits dieser Dominanz formiert sich in Europa Widerstand, und ausgerechnet aus Wien kommt nun eine bemerkenswerte Alternative aus dem Herzen Europas, die den Großen die Stirn bieten will.
Der Wiener Gegenentwurf
Hinter diesem Vorstoß steht das Wiener Start-up eustella, das eine eigene App für Smartphones und das Web auf den Markt gebracht hat. Das erklärte Ziel dieses Unternehmens ist ambitioniert, denn es will nichts weniger als einen Standard für eine souveräne, also eine europäische und unabhängige Künstliche Intelligenz schaffen.
Dabei beschränkt sich die Anwendung keineswegs auf eine einzelne Funktion, sondern deckt eine ganze Palette an Einsatzmöglichkeiten ab. Von der Internetrecherche über die Reiseplanung und das Abrufen von Nachrichten bis hin zur Erstellung von Bildern und ganzen Präsentationen soll die App zu einem vielseitigen digitalen Alltagshelfer werden.

Warum Souveränität so wichtig ist
Der Begriff der Souveränität steht dabei im Zentrum der gesamten Idee und ist weit mehr als ein Schlagwort. Es geht um die grundlegende Frage, wer die Kontrolle über die Daten und die Technologie hat, die zunehmend unseren Alltag durchdringt, und ob Europa hier dauerhaft von außereuropäischen Konzernen abhängig bleiben will.
Eine europäische Lösung verspricht in dieser Hinsicht einen sorgsameren Umgang mit den Daten der Nutzer und eine engere Anbindung an die hiesigen Werte und Datenschutzstandards. Für viele Anwender könnte gerade dieser Aspekt zu einem entscheidenden Argument werden, sich bewusst für ein Produkt aus der eigenen Region zu entscheiden.
Die Muskeln hinter der Software
Doch die beste Software nützt wenig ohne die nötige Rechenleistung im Hintergrund, und genau hier holt Österreich nun kräftig auf. Mit der Eröffnung des sogenannten AI:AT Hub zu Beginn des Jahres 2026 wurde ein wichtiger erster Schritt getan, um dem Land eine eigene technologische Basis zu verschaffen.
Noch bedeutsamer könnte ein geplanter Supercomputer werden, der für das Jahr 2027 vorgesehen ist. Mit dieser Hochleistungs-Infrastruktur würde Österreich zum ersten Mal überhaupt die Möglichkeit erhalten, eigene KI-Modelle im großen Stil im eigenen Land zu trainieren, statt auf ausländische Kapazitäten angewiesen zu sein.
Ein wachsendes Ökosystem
eustella ist dabei kein isolierter Einzelfall, sondern Teil einer erstaunlich lebendigen heimischen Szene. Nach vorliegenden Erhebungen zählt Österreich rund 300 im KI-Bereich tätige Unternehmen, wobei allein die Top-Start-ups zusammen ein Finanzierungsvolumen von etwa 89 Millionen Dollar auf sich vereinen konnten.
Dieser Aufschwung fügt sich in einen größeren europäischen Trend ein, der die Bedeutung anspruchsvoller Technologien unterstreicht. So flossen im Jahr 2025 bereits 36 Prozent aller europäischen Risikokapital-Investitionen in die sogenannte Deep-Tech, während es 2021 nur magere 19 Prozent waren, und dieser Trend dürfte sich weiter verstärken.
Der lange Weg zur Unabhängigkeit
Natürlich steht ein junges Start-up wie eustella vor gewaltigen Herausforderungen, wenn es sich mit den milliardenschweren Angeboten der internationalen Marktführer messen will. Der Weg zu echter technologischer Unabhängigkeit ist lang und erfordert nicht nur gute Ideen, sondern auch Ausdauer, Kapital und politische Rückendeckung.
Dennoch zeigt das Beispiel aus Wien eindrucksvoll, dass Europa den Wettbewerb nicht kampflos aufgeben will. In der Kombination aus mutigen Start-ups und dem gezielten Aufbau eigener Rechen-Infrastruktur liegt die Hoffnung, dass die digitale Zukunft des Kontinents nicht allein in fremden Händen geschrieben wird, sondern auch ein Stück weit in Österreich entsteht.






